Blog

05
Mai

Archicomics? Architektur im Comic

Strenge Raumkuben, fensterlos, Wände aus hellgrauen, grob behauenen Gneisquadern, eine Akustik, die fast sphärisch anmutet, und schimmernde Formen- und Farbenspiele an den Wänden, die von Lichtquellen unter der Wasseroberfläche rühren, zudem nur über einen unterirdischen Gang zu erreichen – die Baderäume der Therme Vals von Peter Zumthor entfalten eine ganz eigene Atmosphäre. 

(c) Edition Verlag Moderne

Pierre ist von der Therme wie infiziert. Irgendetwas ist vorgefallen, das ihn nach Vals treibt. Er hat in Paris Architektur studiert, seine Abschlussarbeit über Zumthors Meisterwerk verfasst und dabei ein Geheimnis aufgespürt, ohne es jedoch zu fassen zu bekommen. Seine immer intensiveren Recherchen führen schließlich dazu, dass er das Manuskript vernichtet, krank wird, das Studium abbricht. Schließlich reist er nach Graubünden, um Antworten zu finden. Schon die Reise ist voller düsterer Vorzeichen ….

Lucas Hararis geheimnisvoller Thriller „Der Magnet“ ist eine Graphic Novel. Also ein – Comic? Ein Architektur-Thriller als Comic?[1]

 

Graphic Novels – Bildergeschichten für Erwachsene?

Eine erste Recherche zeigt, dass Graphic Novels Comic-Romane in Buchformat sind, die mit erzählerischer Komplexität auch ernsthafte Themen verarbeiten und sich an Erwachsene richten. Seit den 1980er-Jahren wurden sie immer populärer, bekannte Beispiele und quasi schon Klassiker des Genres sind etwa Art Spiegelmans mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnetes Maus. A Survivor’s Tale (1980), Frank Millers Sin City (1991/92) oder Persepolis von Marjane Satrapi (2000). Tatsächlich ist die Bezeichnung „Graphic Novel“ vor allem ein Marketing-Kniff, um Comic-Erzählungen über das klischeehafte komische Erzählen hinaus auch als seriöses Medium begrifflich zu etablieren – durchaus mit einigem Erfolg.

Seite aus „Asterios Polyp“ (c) deconarch.com

Lässt man sich auf das Genre ein, eröffnet sich ein verblüffend vielschichtiges Feld. Aus der Perspektive der Architektur lassen sich verschiedenste Arten der Erzählung entdecken. Bauwerke als gebaute Bühne eines Geschehens wie bei Harari treten neben Stadtarchitekturen, die eigene Welten entwickeln – was wäre Batman ohne Gotham City? Es gibt Biografien von Architekten, fiktive wie reale (etwa Asterios Polyp oder Mies), aber auch Manifeste des eigenen Schaffens wie von den Dänen BIG. Architektonische Fragen können sich als Leitmotiv durch ganze Geschichten ziehen wie im Klassiker Asterix („Asterix und Cleopatra“ oder „Die Trabantenstadt“ behandeln durchaus scharfzüngig Facetten der Bauindustrie) oder etwas erwachsener in Jacques Tardis und Jean-Claude Forests bitterböser Groteske Hier selbst!

 

Comics lesen – komplexer als gedacht 

Taucht man noch tiefer in die Materie ein und beschäftigt sich mit der Funktionsweise von Comics, begegnet eine eigenständige Kunstform, die sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts – der Beginn des modernen Comics wird in der Regel in die Phase von 1895 bis 1897 in New York gelegt, als verschiedene Ausgaben von Richard Felton Outcaults „The Yellow Kid“ in der Wochenendbeilage des „The American Humorist“ erschienen – herausgebildet hat mit charakteristischen Elementen, die sie mit anderen Kunstformen teilt, dabei aber ganz individuell vereint – etwa mit visueller Kunst/Grafik, Theater, Film, Literatur. Je nach definitorischer Perspektive lassen sich Vorläufer des Comics bis in die Frühzeit finden, etwa in steinzeitlichen Höhlenmalereien, in präkolumbianischen Friesen, im Teppich von Bayeux, ….

Seite aus „Hier selbst“ (c) deconarch.com

Tatsächlich ist die Definition des Comics weniger einfach als man erwarten würde und in der Forschung bis heute nicht einstimmig gelöst. Die Comic-Forschung ist eine noch junge Disziplin, die erst seit den 2000er-Jahren verstärkt publiziert, wohl auch, weil der Gegenstand lange als trivial abgetan wurde – ein Schicksal, das er etwa mit der Mode teilt, deren soziale, politische, wirtschaftliche und ökologische Bedeutung durch ihre Popularität und den teils exzessiven Massenkonsum oft übersehen wird. In ähnlicher Weise verbindet auch der Comic „Low Culture“ und „High Culture“ in einer Zwischenposition als vermeintlich einfach zu konsumierendes Massenmedium, das keiner der „ernsthaften“ Kunstgattungen wirklich anzugehören scheint (auch wenn die jüngeren Comics schon lange keine Auflagen wie Mickey Mouse und Asterix erreichen).

 

Die Kunst der räumlichen Sequenz 

Ein möglicher Definitionsansatz bestimmt Comics nach Will Eisner als sequenzielle Kunst, als Abfolge von einzelnen gezeichneten statischen Bild-Panels.[2] Ein einzelnes Bild – ein Cartoon – macht demnach noch keinen Comic aus! Dazu tritt in der Regel die Verbindung von Text und Bild innerhalb eines Panels, also zwei verschiedene Zeichensystemen, die gleichzeitig wahrgenommen werden. (Dadurch unterscheidet sich der Comic von der klassischen Bildergeschichte, in der Bilder nur illustrierende Funktion haben.)

Zentral ist die formale Struktur des „Panel-Rasters“, das den grundlegenden perzeptiven Charakter des Comics ausmacht: Der Zwischenraum zwischen den Bildfeldern, der „Rinnstein“ (gutter), bringt den/die Leser*in in einer besonderen induktiven Denkleistung dazu, aus zwei Einzelbildern eine Sequenz zu sehen und daraus eine Geschichte zu machen.

Die nicht nur visuelle Gemeinsamkeit mit dem Film-Streifen ist hierbei kein Zufall. Der Erfolgszug des Comics setzt um 1900 etwa zeitgleich mit dem Erfolg des bewegten Bildes ein: Während der Comic eine statische Bild-Folge ist, die sich räumlich – über eine Seite hinweg – entwickelt, ist der Film eine dynamische Bild-Folge, die zeitlich abläuft (man denke an das „Rohmaterial“ auf der Bildrolle, wie ein Comic eine Aneinanderreihung einzelner Bildfelder: Wir nehmen Film als fließende Bewegung wahr, weil die einzelnen Aufnahmen in einer bestimmten Geschwindigkeit ablaufen, die das Auge „überlistet“). 

 

Architektur im Comic?

Während jedoch „Architektur und Film“ ein populäres Thema ist, zu dem immer wieder Empfehlungslisten veröffentlicht werden und das bei Online-Suchen viele Treffer landet, ist das bei „Architektur und Comic“ anders. Warum eigentlich? Ist das Medium Film „mainstreamiger“ und mehr Massenmedium? Ist die zeitliche Wahrnehmung einfacher als die räumliche – denn die Darstellungstechniken der Bildpanels selbst funktionieren in gewissem Rahmen sehr ähnlich. 

Eröffnet das Genre des Comics als räumliches Erzählen in Bildern gerade für Architekten und Architektur, der raumbildenden Baukunst, besondere Möglichkeiten? 

In einem Seminar an der Hochschule Karlsruhe bearbeite ich das Thema mit Masterstudierenden; die Ergebnisse werden im Sommer im Schaufenster des ASF präsentiert und digital verfügbar gemacht. 


[1] Mehr zum Buch in meiner Rezension im dab online!

[2] Will Eisner, Comics & Sequential Art, Tamarac 1985 (dt.: Mit Bildern erzählen. Comics & Sequential art, Wimmelbach 1995).